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B3B: Bernhards Berliner Blunders and Brilliancies im September

22. September 2013

(Bernhard Kaiser hat sich freundlicherweise bereit erklärt, für Berlin Backgammon einige Positionen aus seinen Berliner Matches zu analysieren und zu kommentieren. Bei genügend Interesse ist dies der Startschuss zu einer losen Folge von Beiträgen, die wir unter dem Obertitel B3B – Bernhards Berliner Blunders and Brilliances – veröffentlichen wollen. Dankwart)

Berliner Blunders and Brilliancies im September

Zum dritten Mal in diesem Jahr habe ich nun ein Turnier der Berliner Meisterschaft mitgespielt. Wieviel Spaß mir das bereitet, kann man schon daran erkennen, dass ich als Hannoveraner wiederholt den flutbedingten Umweg über Magdeburg und somit je 3 Stunden An- und Abreise in Kauf genommen habe. Hier passt einfach alles: Ein breites Spektrum an Spielertypen und Emotionen, ein perfekter Turniermodus plus Einsatz von Uhren, ein rühriger Turnierleiter und nicht zuletzt freie Kost und Logis in der „Villa Wegener“ (danke Rochus, die Pizza war Weltklasse!). Dazu kommt, dass ich mich bei allen meinen Teilnahmen über mangelndes Würfelglück wirklich nicht beschweren kann! 🙂

Die Zeit im Zug lässt sich mit Laptop außerdem gut nutzen. Die Hinfahrt zum Einspielen sowie Einpauken von Matchequity Tabellen, die Rückfahrt zum Eingeben und Analysieren der aufgenommenen Matches 🙂

Hierbei sind mir einige Stellungen/Situationen aufgefallen, die ich als spannend oder zumindest interessant empfunden habe. Ich hoffe, dem geneigten Leser geht es ähnlich!

Die 5 ist klar. Aber die 1?

Beginnen wir mit der aufregenden Endphase des Viertelfinalmatches in der Second Chance gegen Hartmut Schuler, in „Echtzeit“:

Schwarz muss 51 ziehen

Nachdem ich – wie man sieht erfolglos – eine Menge Zeit beim Versuch verschwendet hatte, möglichst sicher ein Gammon und somit das Match zu gewinnen, bleiben mir noch etwa 50 Sekunden Restzeit. Wie so oft bin ich schon mitten im Match in Zeitnot geraten. Während Hartmut, mit noch komfortablen 3 Minuten auf der Uhr, nach 5/off an seiner 1 überlegt, lege ich mir schon mal meinen Takepoint für einen eventuellen 4er Cube zurecht (hoffentlich umsonst …). Klar, das ist einfach; es sind genau die 40%, die ich nach Ablehnen des Cubes bei 3away 2away noch aufs Match hätte. Ok, so weit so gut. Was überlegt er denn so lange an der 1? Ok, er kann 6/5 spielen oder auch 3/2, schließlich muss er ja im Gewinnsinne aggressiv ausspielen. Vielleicht doch 5/4? Nein, das ist wohl zu passiv. Er spielt ….. 2/1 !!
Wow, das kann‘s doch nicht sein, denk ich mir. Einen toten Mann auf die 1 stellen in dieser Situation! Vor lauter Schreck lasse ich weitere wertvolle Sekunden verstreichen…
Zu Unrecht, wie sich später herausstellt. Nach langem Rollout weist XG tatsächlich 5/off 2/1 als den besten Zug aus (knapp vor 6/off)!

Die Idee hinter diesem Zug ist wohl, dass meine 5en so oder so gewinnen, ob nun mit oder ohne Schlagen. Eine Hit auf der Zwei hingegen schmerzt, während man ohne Blot auf der 2 nach 21, 22, 24 (und auch 23) dem Gegner einen halben Wurf stiehlt bzw. noch die Möglichkeit hat, den Stein weiter zu attackieren. Sehr stark am Brett gefunden von Hartmut!

Der Tiger knallt den Doppler auf 4

Und sein Plan geht zunächst voll auf! Ich werfe 2-1 (b/23), Hartmut 5-1 (5/off, 1/off), ich schleiche mich raus mit einer 32 (23/18), er wirft Pasch 3 (Mist!) 6/off, 2*3/off. Ich krieche weiter mit 4-1, ziehe aber blitzschnell 18/13 (Bitte kein Redoppel jetzt, bete ich..)…

Schwarz redoppelt. Korrekt oder nicht? Hat Weiß ein Take oder ist es ein Pass?

Umsonst. Hartmut, vor wenigen Zügen noch mit gequälter Leidensmiene agierend, knallt mir nun mit dem Habitus eines Tigers den faustgroßen Doppler auf die 4, so dass es jeder in der Kneipe mitbekommt. Was nun? Den Takepoint zu wissen, hilft schließlich nur, wenn man die Situation am Tisch auch hinreichend gut einschätzen kann.

Habe ich in der Stellung noch 40% ? Auf den ersten Blick sieht‘s so aus, als ob jeder noch etwa 3 Würfe braucht. Also klares Pass ?

Ich schiele zur Uhr. Noch 40 Sekunden…

Keine Panik jetzt!

Braucht er wirklich nur 3 Würfe ? Gibt es schlechte Würfe für ihn? Ja! 5-2, 5-3 und 3-2 nehmen keinen Stein raus und machen mich sofort zum Favoriten (hier merkt der geneigte Leser, dass dies eine echte real-time-story ist oder vielmehr eine stream-of consciousness-story. Dass 5-2 und 5-3 sehr wohl einen Stein rausnehmen, indem man den kleineren Wurf zuerst zieht, lag in diesem Moment jenseits meines Berechnungshorizontes). Noch 30 Sekunden …

Das reicht aber noch nicht.. Was noch? Es gibt einige schlechte Sequenzen für ihn, z.B. 5/1 gefolgt von einer 3 oder 2, und einige Kombinationen von kleinen Würfen (2/1, 3/1 gefolgt von Würfen, die nur einen rausnehmen … Noch 20 Sekunden….

Ja, das sind doch recht viele Sequenzen! Und auch im dritten Wurf kann er noch „missen“!
Also doch 40% für mich und Take ? Noch 15 Sekunden …..

Halt! Es ist ja nicht gesagt, dass ich selbst in 3 Würfen ausspiele. Ich kann ja auch zwei kleine Werfen! Also in der Summe wohl doch keine 40%!

Noch 10 Sekunden…

Also Pass! Ogott, die Zeit!! Noch 5 Sekunden für weitere maximal 4 Spiele ??

Sch..it, Jetzt muss ich annehmen!!

Es gelingt mir noch mit zitternder Hand den Cube auf meine Seite zu ziehen und die Uhr zu betätigen.. Noch 4 Sekunden Rest…

Hartmut wirft 3/1; 6/3, 1/off. Ok! Ich konzentriere mich im Hinblick auf die Zeit darauf, sauber zu würfeln: 53 (13/5).

2 2 2 2 2! Diesmal wird mein Gebet erhört! Hartmut wirft eine 5-2! Ich nehme irgendwie den Stein auf der 5 raus und Hartmut schüttelt und schüttelt und schüttelt… 6-5!! Gewonnen!! Uff!!!

Und das Take? War ein Riesen-Blunder. In der Stellung habe ich nur knapp über 32% … Mit meinem Stein auf der 12 wären es auch nur 37.5% gewesen; erst auf der 11 wird’s ein klares Take…

Mein Gegner macht alles richtig, ich teile meine Zeit falsch ein, blundere gewaltig und … gewinne! That’s Backgammon …

Noch eine Cube action

Leider klappt das bei mir auch nicht immer. Im Viertelfinale im Main musste ich mich dem gut aufspielenden Hamid geschlagen geben.

Durch eine desaströse 5-4 Hamids beim Ausspielen gegen mein 2er Punkt Spiel mit Doppelblot kam es beim Stand von 2 zu 3 zu folgender, ungewöhnlicher Stellung:

Weiß doppelt. Korrekt oder nicht? Hat Schwarz ein Take oder ist es ein Pass?

Hand aufs Herz, habt ihr eine Ahnung, wie hoch hier die Gewinnchancen für Hamid sind? Was ist die korrekte Cube Action?

Am Tisch hatte ich keine Ahnung, ob das ein Doppel ist. Allerdings war ich mir auch absolut nicht sicher, ob es ein Take ist. Also – nach Woolsey-Regel – Doppel!

Hamid warf sofort weg, was man ihm nicht wirklich verübeln kann angesichts der Schönheit der Stellung und der Aussicht auf viele weitere passive Züge in dieser Partie 🙂

Aber: Das Take ist easy; und das Doppel gerade mal boarderline. Nach Rollout liefert XG exakt die gleiche Equity für Double und No Double.

Hamid gewinnt zwar „nur“ ca. 20% der Spiele, aber sein Takepoint ist mit 23% trotz Führung recht niedrig, die Recube Power hoch und viele seiner Gewinne sind Gammons (z.B. nach einem Joker-Pasch.) Bei der gleichen Gammonquote würden sogar nur 16% Gewinnchancen für ein Take ausreichen.

How about the 9-point?

Das Finale der Second Chance gegen Ralf hatte viele interessante Momente. Besonders lehrreich waren für mich aber folgende beiden Stellungen:

Weiß muss 54 spielen

Hier habe ich a Tempo meinen 4er Punkt gemacht. Schließlich bin ich im Rennen hinten, und der Gegner hat zwei Blots im Heimfeld. Klare Sache, oder ?

Klar besser ist gemäß XG dennoch das „saubere“ 13/9, 6/1! Never underestimate the 9 point, wie schon Mochy immer zu sagen pflegte…

Lahme Ente oder dynamischer Angreifer?

Kurze Zeit später, im gleichen Spiel:

Weiß muss 11 spielen

Auch hier ist das dynamischste Spiel nicht das Beste. Mein Zug, 6/2* landet nach Rollout nur auf Platz 3.

Deutlich besser schneidet das „lahme“ 2*16/14 ab.

Noch eine Idee besser ist jedoch der Shift 2* 4/2*! Diesen Zug hatte ich immerhin kurzzeitig als Kompromisslösung in Erwägung gezogen, aber als zu schäbig vorschnell abgetan …

Die leichte Führung im Match spielt übrigens bei beiden Zugentscheidungen kaum eine Rolle. Im Money-Game sieht es sehr ähnlich aus…

Bis bald,

Bernhard

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